Rückblicke – Friedemann Nemitz und Dietmar Zöller
Beitrag von 2025
Warum ich FC als integrativen Bestandteil der UK ansehe ( Bunter Vogel )
Warum ich FC als integrativen Bestandteil der UK ansehe
von Friedemann Nemitzie Idee zu einer Arbeit unter dieser überschrift kommt nicht von mir al-lein, sondern entstand bei einem längeren Gedankenaustausch, den ich im Frühjahr mit Dietmar Zöller führte. Dabei erstellten wir eine Liste mit „Thesen", zu denen wir beide jeweils unsere Meinung formulier-ten. Ich berichtete darüber bei unserem Treffen der Arbeitsgemeinschaft FC (am
14.04.2021).
Bald darauf wurde die erstmalig in einem deutschen Bundesland erarbeitete „Autismus-Strategie" veröffentlicht. In diese Arbeit sollten sich Menschen aus dem Autismus-Spektrum, möglichst in voller Breite, mit einbringen. Bei der Befragung der „nicht - und wenig sprechenden Autist*innen" hat man jedoch eine klare Trennung zwischen UK und FC vorgenom-men.
Weil mir diese Denkart auch an anderer Stelle begegnet (weniger in der Gegenwart, eher in Veröffentlichungen aus den 90er oder 2000er Jahren), möchte ich mich zu Wort melden und in Kurzform erklären, warum ich einen anderen Standpunkt vertre-te. Mein Anliegen ist nicht, die „Wirksam-keit" von FC zu „beweisen", sondern darauf hinzuweisen, wie sehr FC und UK ineinan-dergreifen.
Ich bin kein Wissenschaftler, sondern sehe mich als Praktiker. Erfahrung mit UK habe ich durch die Lernbegleitung unseres Sohnes Toni (zwei Jahre Hausunterricht und drei Jahre an der Martinschule Greifswald).
Zurzeit arbeite ich in der Martinschule als Lernbegleiter eines siebenjährigen Mädchens, welches auf UK angewiesen ist.
Anmerkung: Ich verstehe die Begriffe UK und FC so, wie sie bei der „Gesellschaft für unterstützte Kommunikation e.V." formuliert sind. www.gesellschaft-uk.org/ueber-uk.html
1. Assistenz zur Kommunikation ist ein typisches Merkmal der UK, dabei fungiert die Assistenz immer wieder als Übersetzung
Bei unseren UK-Tagen in Rostock habe ich einige Menschen kennengelernt, die sich aufgrund cerebraler Bewegungsstörungen nicht lautsprachlich äußern können und Assistenz zum Kommunizieren benötigen, hier einige
Beispiele:
Therapie _ Erziehung _ Förderung
Kathrin Lemler benutzt Mimik und Gestik (Körpereigene Kommunikation), Buchsta-biersystem (Kommunikation mit Vertrau-ten) und Augensteuerung (Unabhängige Kommunikation)
https://kathrinlemler.
com/kommunikation. Bei den Gesprächen mit ihr war es immer wieder selbstver-ständlich, dass die Assistenzperson „über-setzen" musste.
Nele Diercks betätigt sich als Vorleserin und hat an ihrem Sprachcomputer Aufkleber angebracht, auf denen steht „Ich heiße Nele Diecks. Das ist ein Sprachcomputer.
Ich verstehe alles. Fragen Sie mich direkt.
Warten Sie auf eine Antwort. Ich antworte mit Ja, Nein, Blicken, Assistenz, Computer.
Ich bin schon lange erwachsen. Behandeln Sie mich auch so." www.vorlesen-einmal-anders.de
Oskar Streit antwortete auf die Frage, weshalb er zum Kommunizieren keine Augensteuerung verwendet: „Ich möchte meine Hände benutzen." Er hat vor sich eine eigens dafür angefertigte Holz-Buch-stabentafel, auf der er in seiner ganz eigenen Art mit der Hand die Buchstaben ansteuert. Es ist ihm wichtig, dieses Ansteuern ohne körperliche Unterstützung zu machen, auch wenn es dabei vorkommen kann, dass ein Buchstabe mal nicht exakt getroffen wird. Die Assistenzperson liest seine Formulierungen laut vor. https:// wp.kommunikation-mv.de/wp-content/uploads/2017/05/Unbenannt-1.png
Robert Bull benötigt Assistenz „nur" in bestimmten Lebensbereichen und kann sich (unter größerer Anstrengung) mit vertrauten Personen lautsprachlich verständigen, aber in der Öffentlichkeit ist er immer wieder auf Hilfe eines „Übersetzers" angewie-sen. Wenn er Gelegenheit zur Vorbereitung hat, formuliert er seine Texte digital als MP3 Datei. www.robert-bull.de
Unser Sohn Toni hat, seit er schreiben kann (dazu benötigt er körperliche Unterstüt-zung), den Mut gefunden, sich, wenngleich sehr selten, auch lautsprachlich zu äußern.
Manchmal war ein Satz nicht vollständig zu verstehen, dann wiederholte bzw. vervollständigte er schriftlich. Ist dies nun UK oder FC?
Bei Gesprächen mit Dietmar Zöller werden mir nur die Worte übersetzt, die ich nicht verstehe. UK oder FC?
2. Mitunter kommen Menschen durch
FC zum sog. freien Schreiben
Auch wenn dies meines Wissens selten vorkommt, ist es wichtig darauf hinzuwei-sen, wie an diesen Beispielen zu sehen ist:
Die Buchautorin Inez Maus berichtete mir von ihrem autistischen Sohn Benjamin, dass er in früheren Schuljahren beim Schreibvorgang ihre Hand auf seiner Schulter (entgegengesetzt zum Schreibarm) be-nötigte. Hätte sie das lieber bleiben lassen sollen? Aktuell schreibt Benjamin an seiner 40 autismus #92/2021 Masterarbeit (Philosophie), natürlich vollkommen eigenständig.
Tito R. Mukhopadhyay hat es geschafft, mit dem Stift in der Hand und am PC vollkommen frei zu schreiben, ohne Kör-perberührung durch eine andere Person.
In dem Buch ,Der Tag, an dem ich meine Stimme fand" berichtet er darüber, dass in der Anfangszeit seine Mutter den Stift an seine Hand binden musste und hinter ihm stehend, mit vollem Körpereinsatz das Schreiben übte. www.youtube.com/ watch?v=PamjosXYiKo
Die autistischen Zwillinge Konstantin und Kornelius Keulen waren in ihrer Schulzeit auf körperliche Unterstützung beim Schreibvorgang angewiesen, in dem Buch „Zu niemandem ein Wort" (Konstantin und Kernelius Keulen, Simone Kosog) wird auch von Problemen diesbezüglich be-richtet, und, dass es Diskussionen über die Urheberschaft der Texte gab. Im Jahr 2019 haben die beiden an der Universität Potsdam promoviert. www.uni-potsdam.de/de/alumni/alumni-des-monats/122019-konstantin-und-kornelius-keulen
3. Es gibt ein breites Spektrum an Stütztechniken
Über die „richtige" Art des Stützens wurden und werden intensive Diskussionen geführt, und auch innerhalb der FC - Anhängerschaft gibt es in diesem Punkt keine Einigkeit. Ich möchte an dieser Stelle
darauf hinzuweisen, dass es keine einheitliche Beschreibung davon gibt, wie die körperliche Unterstützung bei einem Zeige- oder Schreibvorgang erfolgen sol oder kann. Dies ist aus meiner Sicht auch nicht angebracht.* Auch der in der UK akzeptierte Begriff „Körpereigene Kommuni-kationsformen" deutet darauf hin. FC ist kein geschützter Begriff, es wird am Finger (ich kenne eine Person, die den Finger der Stützperson benutzt), an der Hand, am El-bogen, an der Schulter, am Rücken, an der Hüfte oder am Knie angefasst, alles kann als FC eingestuft (und damit evtl. abge-lehnt) werden.
Ist es aber wirklich vorstellbar, dass durch eine lockere Berührung an der Schulter, am Rücken, der Hüfte oder dem Knie geschriebene Botschaften zweifelhaft in Bezug auf ihre Urheberschaft sind? Selbst bei einer FC-kritischen Einstellung sollte man hier differenzieren. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu wissen, dass es i.d.R. für einen Schreiber/eine Schreiberin harte Arbeit ist, so weit zu kommen und nicht an allen Tagen alles möglich ist.
*,Wie kann nun Kommunikation gelingen?
Nicht durch irgendwelche Techniken. Nur durch Respekt vor der Individualität des an-deren. Die Tatsache des Nicht-Verstehens erzwingt förmlich den Dialog. Wenn beide das wissen, kann es gutgehen." Reinhard K. Sprenger in ,Das Prinzip Selbstverantwortung" Campus Verlag UK und FC greifen ineinander In der Regel gibt es bei FC -Nutzern eine sog. Anbahnungsphase, in welcher ein Proband auf passende Angebote geprüft wird. Dabei wird oft ohne körperliche Berührung gearbeitet:
Die Verständigung mit unserem Sohn Toni funktionierte über ein halbes Jahr lang mit Frage- bzw. Auswahlkarten, die er freihändig ansteuerte (die vorausgehende Beob-achtungsphase dauerte auch ein halbes Jahr). Erst als anhand dieser „Gespräche" deutlich wurde, es gibt ein Potential zum Selberformulieren, übten wir das Auswählen der Buchstabenkärtchen. Dabei benötigte Toni eine leichte Berührung des Fingers am Arm. Noch heute verständigen wir uns in Alltagsdingen über „Handzeichen" (Finger, mit Bedeutung versehen, als Ant-wort/Auswahlalternativen), die in der Regel freihändig angesteuert werden. www.youtube.com/watch?v=pwrXXX7Qsn0
Bei Judith Meier (Name geändert), die ich zurzeit in der Martinschule begleite, funktioniert dies ähnlich. Sie hat größte Schwierigkeiten in der Kontrolle ihrer Be-wegungen, aber kann freihändig die mit Bedeutung versehenen Finger einer Hand ansteuern. Möglich, wenn auch schwerer, ist für sie das Ansteuern der Felder auf einem Sprachausgabegerät. Bei der Ansteuerung einer differenzierteren Auswahl an Optionen wird sie beim Zeigevorgang möglicherweise „gestützt" werden müssen.
Therapie _ Erziehung - Förderung
Florin Müllers „Alltagssprache" ist ein Körpereigenes Zeichensystem, welches er in hohem Grad anwenden kann, trotzdem wird beim Schreibvorgang eine Stützper-son benötigt, die ihn an der Hüfte oder dem Knie anfasst. www.youtube.com/watch?v=ntzqHzT6RIc
Sebastian Dean kann mit seinem rechten Arm freihändig die Tastatur eines Laptops bedienen, wenn seine Mutter neben ihm sitzt und ihre Hand ganz locker auf seine Schulter legt. Er hat einhergehend mit dem Schreiben auch gelernt, in einem gewissen Umfang Lautsprache zu benutzen. www.youtube.com/watch?v=KuWqv2TLEYc
Dietmar Zöller hat im Vorschulalter gelernt, mit einem Stift zu schreiben, dabei musste seine Hand berührt werden. An guten Tagen ging dies auch ohne Berührung mit Hilfe einer Manchette, aber bei meinen Besuchen habe ich erlebt, dass an weniger guten Tagen trotz größtmöglichem Entgegenkommen der Stutzperson (seine Mutter) gar nichts geht. An einer Tastatur kann er schreiben und dabei beide Hände frei benutzen, allerding saß seine Mutter neben ihm und hielt ihre Hand ganz locker auf seiner Schulter. Oft werden Texte von ihm zum Mitschreiben diktiert. Ich selbst war dabei, als er die Rezension zum Buch „Gestützte Kommunikation mit nichtspre-chenden Menschen" (Gisela Erdin) seiner Assistentin Palma zum Mitschreiben dik-tierte.
Anhand der aufgezählten Beispiele habe ich versucht deutlich zu machen, dass es bei der Kommunikation mit besonderen Menschen nicht praktikabel ist, ein „Schubladensystem" zu verwenden. Sollte man nun in Dialogen mit Personen, die einen Mix aus UK und FC verwenden, immer eine „Trennlinie" ziehen?
Das eigentliche Hindernis, welches es immer wieder zu überwinden gilt, liegt meiner Meinung nach woanders:
Wahrhaft ergebnisoffenes Arbeiten bei nicht „Neurotypischen". Immer wieder erlebe ich, dass vom äußeren Erscheinungsbild auf das innere Potential geschlossen wird
Man sollte sich ehrlich die Frage stellen:
„Welches Bild von diesem Menschen, den ich hier erlebe, habe ich?"
Über UK und FC zu diskutieren heißt, Menschenbilder zu diskutieren.*
* „Hat man erst ein Menschenbild festge legt, unterstellt man es einem Zweck. Ganz gleich, ob es sich um einen wirtschaftlichen politischen, biotechnischen, medizinischen pädagogischen oder therapeutischen Zwec handelt: der gesetzte Rahmen schneide Menschen zwangsläufig von einem Teil ihre Möglichkeiten ab."
(André Frank Zimpel in „Zwischen Neuro biologie und Bildung" www.v-r.de 2010 S. 13„Oftmals denken Menschen, die mich nicht kennen, ..., ich sei auch geistig behindert oder betrunken und nehmen mich nicht für voll.
Viele Menschen bringen nicht die Geduld auf, mir zuzuhören.
Die Menschen verstehen vielleicht den Inhalt von dem, was ich sage, aber das reicht mir zum Teil nicht aus, weil jedes einzelne Wort für mich sehr wichtig ist und auch eine eigene Bedeutung hat.
Sich verständlich zu machen, sich auszudrücken und dadurch gehört zu werden, bedeutet für mich Freiheit." Robert Bull, dem aufgrund seiner ausgeprägten Schwierigkeiten in der Bewe-gungskontrolle eine angemessene Schulbildung verwehrt blieb, auf dem UK-Tag 2019 in Rostock)
Zur besseren Nachverfolgung der zahlreichen Verlinkungen in diesem Artikel finden Sie eine digitale Version auf unserer Homepage: www.autismus.deQuelle: autismus Nr. 92 Dezember 2021 Seite 39-42
von Friedemann Nemitz
14.04.2021).
Weil mir diese Denkart auch an anderer Stelle begegnet (weniger in der Gegenwart, eher in Veröffentlichungen aus den 90er oder 2000er Jahren), möchte ich mich zu Wort melden und in Kurzform erklären, warum ich einen anderen Standpunkt vertre-te. Mein Anliegen ist nicht, die „Wirksam-keit" von FC zu „beweisen", sondern darauf hinzuweisen, wie sehr FC und UK ineinan-dergreifen.
Ich bin kein Wissenschaftler, sondern sehe mich als Praktiker. Erfahrung mit UK habe ich durch die Lernbegleitung unseres Sohnes Toni (zwei Jahre Hausunterricht und drei Jahre an der Martinschule Greifswald).
Bei unseren UK-Tagen in Rostock habe ich einige Menschen kennengelernt, die sich aufgrund cerebraler Bewegungsstörungen nicht lautsprachlich äußern können und Assistenz zum Kommunizieren benötigen, hier einige
Therapie _ Erziehung _ Förderung
Kathrin Lemler benutzt Mimik und Gestik (Körpereigene Kommunikation), Buchsta-biersystem (Kommunikation mit Vertrau-ten) und Augensteuerung (Unabhängige Kommunikation)
https://kathrinlemler.
com/kommunikation. Bei den Gesprächen mit ihr war es immer wieder selbstver-ständlich, dass die Assistenzperson „über-setzen" musste.
Nele Diercks betätigt sich als Vorleserin und hat an ihrem Sprachcomputer Aufkleber angebracht, auf denen steht „Ich heiße Nele Diecks. Das ist ein Sprachcomputer.
Ich verstehe alles. Fragen Sie mich direkt.
Warten Sie auf eine Antwort. Ich antworte mit Ja, Nein, Blicken, Assistenz, Computer.
Ich bin schon lange erwachsen. Behandeln Sie mich auch so." www.vorlesen-einmal-anders.de
Robert Bull benötigt Assistenz „nur" in bestimmten Lebensbereichen und kann sich (unter größerer Anstrengung) mit vertrauten Personen lautsprachlich verständigen, aber in der Öffentlichkeit ist er immer wieder auf Hilfe eines „Übersetzers" angewie-sen. Wenn er Gelegenheit zur Vorbereitung hat, formuliert er seine Texte digital als MP3 Datei. www.robert-bull.de
Unser Sohn Toni hat, seit er schreiben kann (dazu benötigt er körperliche Unterstüt-zung), den Mut gefunden, sich, wenngleich sehr selten, auch lautsprachlich zu äußern.
Manchmal war ein Satz nicht vollständig zu verstehen, dann wiederholte bzw. vervollständigte er schriftlich. Ist dies nun UK oder FC?
Unser Sohn Toni hat, seit er schreiben kann (dazu benötigt er körperliche Unterstüt-zung), den Mut gefunden, sich, wenngleich sehr selten, auch lautsprachlich zu äußern.
Manchmal war ein Satz nicht vollständig zu verstehen, dann wiederholte bzw. vervollständigte er schriftlich. Ist dies nun UK oder FC?
Bei Gesprächen mit Dietmar Zöller werden mir nur die Worte übersetzt, die ich nicht verstehe. UK oder FC?
2. Mitunter kommen Menschen durch
FC zum sog. freien Schreiben
Auch wenn dies meines Wissens selten vorkommt, ist es wichtig darauf hinzuwei-sen, wie an diesen Beispielen zu sehen ist:
FC zum sog. freien Schreiben
Auch wenn dies meines Wissens selten vorkommt, ist es wichtig darauf hinzuwei-sen, wie an diesen Beispielen zu sehen ist:
Die Buchautorin Inez Maus berichtete mir von ihrem autistischen Sohn Benjamin, dass er in früheren Schuljahren beim Schreibvorgang ihre Hand auf seiner Schulter (entgegengesetzt zum Schreibarm) be-nötigte. Hätte sie das lieber bleiben lassen sollen? Aktuell schreibt Benjamin an seiner 40 autismus #92/2021 Masterarbeit (Philosophie), natürlich vollkommen eigenständig.
Tito R. Mukhopadhyay hat es geschafft, mit dem Stift in der Hand und am PC vollkommen frei zu schreiben, ohne Kör-perberührung durch eine andere Person.
In dem Buch ,Der Tag, an dem ich meine Stimme fand" berichtet er darüber, dass in der Anfangszeit seine Mutter den Stift an seine Hand binden musste und hinter ihm stehend, mit vollem Körpereinsatz das Schreiben übte. www.youtube.com/ watch?v=PamjosXYiKo
Die autistischen Zwillinge Konstantin und Kornelius Keulen waren in ihrer Schulzeit auf körperliche Unterstützung beim Schreibvorgang angewiesen, in dem Buch „Zu niemandem ein Wort" (Konstantin und Kernelius Keulen, Simone Kosog) wird auch von Problemen diesbezüglich be-richtet, und, dass es Diskussionen über die Urheberschaft der Texte gab. Im Jahr 2019 haben die beiden an der Universität Potsdam promoviert. www.uni-potsdam.de/de/alumni/alumni-des-monats/122019-konstantin-und-kornelius-keulen
Tito R. Mukhopadhyay hat es geschafft, mit dem Stift in der Hand und am PC vollkommen frei zu schreiben, ohne Kör-perberührung durch eine andere Person.
In dem Buch ,Der Tag, an dem ich meine Stimme fand" berichtet er darüber, dass in der Anfangszeit seine Mutter den Stift an seine Hand binden musste und hinter ihm stehend, mit vollem Körpereinsatz das Schreiben übte. www.youtube.com/ watch?v=PamjosXYiKo
Die autistischen Zwillinge Konstantin und Kornelius Keulen waren in ihrer Schulzeit auf körperliche Unterstützung beim Schreibvorgang angewiesen, in dem Buch „Zu niemandem ein Wort" (Konstantin und Kernelius Keulen, Simone Kosog) wird auch von Problemen diesbezüglich be-richtet, und, dass es Diskussionen über die Urheberschaft der Texte gab. Im Jahr 2019 haben die beiden an der Universität Potsdam promoviert. www.uni-potsdam.de/de/alumni/alumni-des-monats/122019-konstantin-und-kornelius-keulen
3. Es gibt ein breites Spektrum an Stütztechniken
Über die „richtige" Art des Stützens wurden und werden intensive Diskussionen geführt, und auch innerhalb der FC - Anhängerschaft gibt es in diesem Punkt keine Einigkeit. Ich möchte an dieser Stelle
darauf hinzuweisen, dass es keine einheitliche Beschreibung davon gibt, wie die körperliche Unterstützung bei einem Zeige- oder Schreibvorgang erfolgen sol oder kann. Dies ist aus meiner Sicht auch nicht angebracht.* Auch der in der UK akzeptierte Begriff „Körpereigene Kommuni-kationsformen" deutet darauf hin. FC ist kein geschützter Begriff, es wird am Finger (ich kenne eine Person, die den Finger der Stützperson benutzt), an der Hand, am El-bogen, an der Schulter, am Rücken, an der Hüfte oder am Knie angefasst, alles kann als FC eingestuft (und damit evtl. abge-lehnt) werden.
Ist es aber wirklich vorstellbar, dass durch eine lockere Berührung an der Schulter, am Rücken, der Hüfte oder dem Knie geschriebene Botschaften zweifelhaft in Bezug auf ihre Urheberschaft sind? Selbst bei einer FC-kritischen Einstellung sollte man hier differenzieren. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu wissen, dass es i.d.R. für einen Schreiber/eine Schreiberin harte Arbeit ist, so weit zu kommen und nicht an allen Tagen alles möglich ist.
*,Wie kann nun Kommunikation gelingen?
Nicht durch irgendwelche Techniken. Nur durch Respekt vor der Individualität des an-deren. Die Tatsache des Nicht-Verstehens erzwingt förmlich den Dialog. Wenn beide das wissen, kann es gutgehen." Reinhard K. Sprenger in ,Das Prinzip Selbstverantwortung" Campus Verlag UK und FC greifen ineinander In der Regel gibt es bei FC -Nutzern eine sog. Anbahnungsphase, in welcher ein Proband auf passende Angebote geprüft wird. Dabei wird oft ohne körperliche Berührung gearbeitet:
Die Verständigung mit unserem Sohn Toni funktionierte über ein halbes Jahr lang mit Frage- bzw. Auswahlkarten, die er freihändig ansteuerte (die vorausgehende Beob-achtungsphase dauerte auch ein halbes Jahr). Erst als anhand dieser „Gespräche" deutlich wurde, es gibt ein Potential zum Selberformulieren, übten wir das Auswählen der Buchstabenkärtchen. Dabei benötigte Toni eine leichte Berührung des Fingers am Arm. Noch heute verständigen wir uns in Alltagsdingen über „Handzeichen" (Finger, mit Bedeutung versehen, als Ant-wort/Auswahlalternativen), die in der Regel freihändig angesteuert werden. www.youtube.com/watch?v=pwrXXX7Qsn0
Über die „richtige" Art des Stützens wurden und werden intensive Diskussionen geführt, und auch innerhalb der FC - Anhängerschaft gibt es in diesem Punkt keine Einigkeit. Ich möchte an dieser Stelle
darauf hinzuweisen, dass es keine einheitliche Beschreibung davon gibt, wie die körperliche Unterstützung bei einem Zeige- oder Schreibvorgang erfolgen sol oder kann. Dies ist aus meiner Sicht auch nicht angebracht.* Auch der in der UK akzeptierte Begriff „Körpereigene Kommuni-kationsformen" deutet darauf hin. FC ist kein geschützter Begriff, es wird am Finger (ich kenne eine Person, die den Finger der Stützperson benutzt), an der Hand, am El-bogen, an der Schulter, am Rücken, an der Hüfte oder am Knie angefasst, alles kann als FC eingestuft (und damit evtl. abge-lehnt) werden.
Ist es aber wirklich vorstellbar, dass durch eine lockere Berührung an der Schulter, am Rücken, der Hüfte oder dem Knie geschriebene Botschaften zweifelhaft in Bezug auf ihre Urheberschaft sind? Selbst bei einer FC-kritischen Einstellung sollte man hier differenzieren. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu wissen, dass es i.d.R. für einen Schreiber/eine Schreiberin harte Arbeit ist, so weit zu kommen und nicht an allen Tagen alles möglich ist.
*,Wie kann nun Kommunikation gelingen?
Nicht durch irgendwelche Techniken. Nur durch Respekt vor der Individualität des an-deren. Die Tatsache des Nicht-Verstehens erzwingt förmlich den Dialog. Wenn beide das wissen, kann es gutgehen." Reinhard K. Sprenger in ,Das Prinzip Selbstverantwortung" Campus Verlag UK und FC greifen ineinander In der Regel gibt es bei FC -Nutzern eine sog. Anbahnungsphase, in welcher ein Proband auf passende Angebote geprüft wird. Dabei wird oft ohne körperliche Berührung gearbeitet:
Die Verständigung mit unserem Sohn Toni funktionierte über ein halbes Jahr lang mit Frage- bzw. Auswahlkarten, die er freihändig ansteuerte (die vorausgehende Beob-achtungsphase dauerte auch ein halbes Jahr). Erst als anhand dieser „Gespräche" deutlich wurde, es gibt ein Potential zum Selberformulieren, übten wir das Auswählen der Buchstabenkärtchen. Dabei benötigte Toni eine leichte Berührung des Fingers am Arm. Noch heute verständigen wir uns in Alltagsdingen über „Handzeichen" (Finger, mit Bedeutung versehen, als Ant-wort/Auswahlalternativen), die in der Regel freihändig angesteuert werden. www.youtube.com/watch?v=pwrXXX7Qsn0
Bei Judith Meier (Name geändert), die ich zurzeit in der Martinschule begleite, funktioniert dies ähnlich. Sie hat größte Schwierigkeiten in der Kontrolle ihrer Be-wegungen, aber kann freihändig die mit Bedeutung versehenen Finger einer Hand ansteuern. Möglich, wenn auch schwerer, ist für sie das Ansteuern der Felder auf einem Sprachausgabegerät. Bei der Ansteuerung einer differenzierteren Auswahl an Optionen wird sie beim Zeigevorgang möglicherweise „gestützt" werden müssen.
Therapie _ Erziehung - Förderung
Florin Müllers „Alltagssprache" ist ein Körpereigenes Zeichensystem, welches er in hohem Grad anwenden kann, trotzdem wird beim Schreibvorgang eine Stützper-son benötigt, die ihn an der Hüfte oder dem Knie anfasst. www.youtube.com/watch?v=ntzqHzT6RIc
Sebastian Dean kann mit seinem rechten Arm freihändig die Tastatur eines Laptops bedienen, wenn seine Mutter neben ihm sitzt und ihre Hand ganz locker auf seine Schulter legt. Er hat einhergehend mit dem Schreiben auch gelernt, in einem gewissen Umfang Lautsprache zu benutzen. www.youtube.com/watch?v=KuWqv2TLEYc
Dietmar Zöller hat im Vorschulalter gelernt, mit einem Stift zu schreiben, dabei musste seine Hand berührt werden. An guten Tagen ging dies auch ohne Berührung mit Hilfe einer Manchette, aber bei meinen Besuchen habe ich erlebt, dass an weniger guten Tagen trotz größtmöglichem Entgegenkommen der Stutzperson (seine Mutter) gar nichts geht. An einer Tastatur kann er schreiben und dabei beide Hände frei benutzen, allerding saß seine Mutter neben ihm und hielt ihre Hand ganz locker auf seiner Schulter. Oft werden Texte von ihm zum Mitschreiben diktiert. Ich selbst war dabei, als er die Rezension zum Buch „Gestützte Kommunikation mit nichtspre-chenden Menschen" (Gisela Erdin) seiner Assistentin Palma zum Mitschreiben dik-tierte.
Therapie _ Erziehung - Förderung
Florin Müllers „Alltagssprache" ist ein Körpereigenes Zeichensystem, welches er in hohem Grad anwenden kann, trotzdem wird beim Schreibvorgang eine Stützper-son benötigt, die ihn an der Hüfte oder dem Knie anfasst. www.youtube.com/watch?v=ntzqHzT6RIc
Sebastian Dean kann mit seinem rechten Arm freihändig die Tastatur eines Laptops bedienen, wenn seine Mutter neben ihm sitzt und ihre Hand ganz locker auf seine Schulter legt. Er hat einhergehend mit dem Schreiben auch gelernt, in einem gewissen Umfang Lautsprache zu benutzen. www.youtube.com/watch?v=KuWqv2TLEYc
Dietmar Zöller hat im Vorschulalter gelernt, mit einem Stift zu schreiben, dabei musste seine Hand berührt werden. An guten Tagen ging dies auch ohne Berührung mit Hilfe einer Manchette, aber bei meinen Besuchen habe ich erlebt, dass an weniger guten Tagen trotz größtmöglichem Entgegenkommen der Stutzperson (seine Mutter) gar nichts geht. An einer Tastatur kann er schreiben und dabei beide Hände frei benutzen, allerding saß seine Mutter neben ihm und hielt ihre Hand ganz locker auf seiner Schulter. Oft werden Texte von ihm zum Mitschreiben diktiert. Ich selbst war dabei, als er die Rezension zum Buch „Gestützte Kommunikation mit nichtspre-chenden Menschen" (Gisela Erdin) seiner Assistentin Palma zum Mitschreiben dik-tierte.
Anhand der aufgezählten Beispiele habe ich versucht deutlich zu machen, dass es bei der Kommunikation mit besonderen Menschen nicht praktikabel ist, ein „Schubladensystem" zu verwenden. Sollte man nun in Dialogen mit Personen, die einen Mix aus UK und FC verwenden, immer eine „Trennlinie" ziehen?
Das eigentliche Hindernis, welches es immer wieder zu überwinden gilt, liegt meiner Meinung nach woanders:
Wahrhaft ergebnisoffenes Arbeiten bei nicht „Neurotypischen". Immer wieder erlebe ich, dass vom äußeren Erscheinungsbild auf das innere Potential geschlossen wird
Man sollte sich ehrlich die Frage stellen:
„Welches Bild von diesem Menschen, den ich hier erlebe, habe ich?"
Über UK und FC zu diskutieren heißt, Menschenbilder zu diskutieren.*
* „Hat man erst ein Menschenbild festge legt, unterstellt man es einem Zweck. Ganz gleich, ob es sich um einen wirtschaftlichen politischen, biotechnischen, medizinischen pädagogischen oder therapeutischen Zwec handelt: der gesetzte Rahmen schneide Menschen zwangsläufig von einem Teil ihre Möglichkeiten ab."
(André Frank Zimpel in „Zwischen Neuro biologie und Bildung" www.v-r.de 2010 S. 13
Das eigentliche Hindernis, welches es immer wieder zu überwinden gilt, liegt meiner Meinung nach woanders:
Wahrhaft ergebnisoffenes Arbeiten bei nicht „Neurotypischen". Immer wieder erlebe ich, dass vom äußeren Erscheinungsbild auf das innere Potential geschlossen wird
Man sollte sich ehrlich die Frage stellen:
„Welches Bild von diesem Menschen, den ich hier erlebe, habe ich?"
Über UK und FC zu diskutieren heißt, Menschenbilder zu diskutieren.*
* „Hat man erst ein Menschenbild festge legt, unterstellt man es einem Zweck. Ganz gleich, ob es sich um einen wirtschaftlichen politischen, biotechnischen, medizinischen pädagogischen oder therapeutischen Zwec handelt: der gesetzte Rahmen schneide Menschen zwangsläufig von einem Teil ihre Möglichkeiten ab."
(André Frank Zimpel in „Zwischen Neuro biologie und Bildung" www.v-r.de 2010 S. 13
„Oftmals denken Menschen, die mich nicht kennen, ..., ich sei auch geistig behindert oder betrunken und nehmen mich nicht für voll.
Viele Menschen bringen nicht die Geduld auf, mir zuzuhören.
Die Menschen verstehen vielleicht den Inhalt von dem, was ich sage, aber das reicht mir zum Teil nicht aus, weil jedes einzelne Wort für mich sehr wichtig ist und auch eine eigene Bedeutung hat.
Sich verständlich zu machen, sich auszudrücken und dadurch gehört zu werden, bedeutet für mich Freiheit." Robert Bull, dem aufgrund seiner ausgeprägten Schwierigkeiten in der Bewe-gungskontrolle eine angemessene Schulbildung verwehrt blieb, auf dem UK-Tag 2019 in Rostock)
Viele Menschen bringen nicht die Geduld auf, mir zuzuhören.
Die Menschen verstehen vielleicht den Inhalt von dem, was ich sage, aber das reicht mir zum Teil nicht aus, weil jedes einzelne Wort für mich sehr wichtig ist und auch eine eigene Bedeutung hat.
Sich verständlich zu machen, sich auszudrücken und dadurch gehört zu werden, bedeutet für mich Freiheit." Robert Bull, dem aufgrund seiner ausgeprägten Schwierigkeiten in der Bewe-gungskontrolle eine angemessene Schulbildung verwehrt blieb, auf dem UK-Tag 2019 in Rostock)
Zur besseren Nachverfolgung der zahlreichen Verlinkungen in diesem Artikel finden Sie eine digitale Version auf unserer Homepage: www.autismus.de
Quelle: autismus Nr. 92 Dezember 2021 Seite 39-42















